Man möge nicht den Eindruck bekommen, dass ich ein kontaktscheuer Mensch wäre, aber es gibt Tage, da weiß man die Intimität und Ruhe einer kleinen Niederlassung mehr zu schätzen denn je – an Tagen wie heute.
Um 7:30 Uhr habe ich einen kurzen Termin mit einem Kollegen am Hauptsitz. „Dauert nicht lang“, hör ich ihn noch am Telefon sagen. Wenn der wüsste…
Noch auf dem Weg überlege ich mir, ob ich durch den Haupteingang oder lieber durch den Hintereingang das Gebäude betrete. Meine Überlegungen werden jäh von dem Aufschrei einer Kollegin unterbrochen, die mich auf dem Parkplatz erspäht hat:
„Wo ich Dich gerade sehe…“
Ich verspreche nach meinem Termin bei ihr vorbeizuschauen. Ich entscheide mich für den Hintereingang, vorbei am Kaffeeautomaten und bin froh, dass dort so früh noch niemand steht.
Mit einer dicken Tasse Kaffee bewaffnet stehe ich nicht ganz pünktlich im Büro meines Kollegen und wünsche freudestrahlend einen guten Morgen.
„Bevor ich es vergesse: das Sekretariat hat angerufen, der Chef hat Dich kommen sehen, Du mögest bitte gleich mal bei ihm vorbeikommen.“
Ich notiere mir das gedanklich für nach dem Besuch bei der Kollegin von eben. Aber nun erstmal Besprechung. Kaum zu glauben, nach einem weiteren Kaffee und einer Stunde sind wir fertig. Das ging ja echt schnell. Nun muss ich nur noch bei… da betritt der Teamleiter meines Kollegen das Zimmer.
„Haben Sie einen Augenblick für mich, wenn Sie hier fertig sind?“
Ich bin fertig und natürlich habe ich einen oder auch zwei Augenblicke. Nach 15 Minuten beschließe ich mir einen weiteren Kaffee zu holen. Besser ist es, wir brauchen doch etwas länger, man kommt im Gespräch eh von Höckchen auf Stöckchen.
Ich schaue auf die Uhr, meine Güte, ich muss los, hatte ich doch versprochen um 9:30 Uhr wieder an meinem Schreibtisch zu sitzen. Aber erst noch die Kollegin von heute morgen. Ich eile ins Treppenhaus, nehme 2 Stufen auf einmal, damit die Chancen sinken, dass mich dort noch jemand erwischt.
Vor der Etagentür angekommen hole ich tief Luft. Wie ein Ameisenhaufen mit verzweigten Gängen liegt er vor mir, der Flur mit einer unendlich scheinenden Anzahl an Türen. Hinter jeder Tür, so kommt es mir vor, lauern ein oder zwei Kollegen, die sicher nur darauf warten mich abzufangen.
Todesmutig stürme ich vor, schaffe eine Tür, zwei Türen und sogar die dritte ist kein Problem, der Kollege telefoniert gerade. Die nächste Tür wird mein erster Stolperstein. Sie wird just in dem Moment geöffnet, in dem ich dort vorbeihaste.
„Ach hallo“, hör ich’s nur.
Normalerweise würde ich mich freuen, hab ich doch den Kollegen schon ewig nicht mehr gesehen. Sonst findet man immer einen Augenblick Zeit, um ein paar Worte zu wechseln, aber gerade heute? „Sei mir nicht böse, ich muss…“, sag ich im Weiterlaufen und ernte einen verdutzten Blick. Ich beschließe ihn später anzurufen und zu erklären.
Ich biege um die letzte Ecke, sehe schon mein Ziel vor Augen. Ich muss es nur bis zur letzten Tür auf der rechten Seite schaffen, dann bin ich in Sicherheit. Ich wunder mich, wie still es hier ist, alle Türen offen, keiner an seinem Platz. Während ich noch überlege, ob ich einen Termin vergessen habe, biege ich um die Ecke und betrete das Zimmer. Dort – quasi hinter dem Zieleinlauf – erwartet mich eine Überraschung. Meine Kollegin von heute morgen hat gleich einen ganzen Stab von Mitarbeitern zusammengetrommelt, um mich noch mit Fragen über dies und das zu löchern. Wo ich ja schon mal da bin… Kein Wunder, dass die übrigen Zimmer des Flurs leer waren.
Nach einer Reihe geduldig beantworteter Fragen und ständigen Blicken auf die Uhr schaffe ich es, mich aus den Fängen der netten Kollegen zu reißen und mache mich auf den beschwerlichen Weg ins andere Gebäude. Zimmer gibt es dort weniger, Kollegen auch, leider ist man auf dem Weg dazwischen sichtbar wie ein Hase auf freiem Feld. Ich habe das Gefühl bohrende Blicke in meinem Rücken zu spüren, ignoriere dieses Gefühl jedoch. Neulich noch habe ich im Fernsehen gelernt, dass man nicht spüren kann, wenn man beobachtet wird. Naja, zumindest gibt es keine wissenschaftlichen Beweise dafür. Ich glaube es, straffe die Schultern und gehe hoch erhobenen Hauptes über die Straße.
9:30 Uhr, ich stehe im Sekretariat, melde mich an, Chef telefoniert, ich warte.
„Guten Morgen, wie geht’s?“
Wie soll es schon gehen? Es muss ja, oder? Aber ich mag so nicht antworten, hört sich negativ an. Während ich noch meine Antwort zurecht lege, ist unser Chef mit Telefonieren fertig und ich werde ins Eckzimmer gebeten.
„Gut, gut“, rufe ich also nur schnell über die Schulter und schlüpfe durch die Tür.
Ein Refugium, so kommt es mir vor. Ich könnte ewig dort sitzen, die Besprechungen mit ihm schätze ich: Kurz, knapp, aber gehaltvoll.
Bevor ich mir eine Strategie für den Rückweg zum Auto überlegen kann, stehe ich deswegen auch schon wieder vor der Tür.
Dies ist der gefährlichste Augenblick auf meiner Reise. An der Tür des Chefzimmers ist ein kleines Windspiel angebracht, sodass jeder hört, wenn die Tür geöffnet und wieder geschlossen wird.
Vorsichtig schaue ich mich um, ob jemand von oben, von unten oder aus einem der umliegenden Zimmer kommt. Dies ist nicht der Fall, erstaunliche Ruhe. Ich ruf ein fröhliches „Tschüss“ ins Sekretariat und laufe mit Elan die Treppe hinunter. Wenn ich nur richtig beschäftigt aussehe, schaffe ich den Weg zum Auto ohne weiteren Boxenstop.
Und in der Tat, ich schaffe es. Ich bin stolz auf mich, es gab schon Tage, an denen ich erst nach der Mittagspause wieder zurückkam. Mit nur einer Stunde Verspätung und einem Lächeln auf dem Gesicht schließe ich die Tür auf. Noch im Türrahmen stehend kommt mir die erste Kollegin entgegen und fragt mit einem vorwurfsvollen Blick: „Wo warst Du denn? Wir warten schon die ganze Zeit auf Dich.“
„Aber ich musste doch nur kurz…“
Fotos: © Peter Kirchhoff / PIXELIO